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Ist die Arbeit sinnlos, steigt der Stress

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek | ORF.at Science | 1.08.2017

Ö1-Beitrag:

Ist die Arbeit sinnlos steigt der Stress (mp3-Datei der Ö1 Sendung)

Artikel:

Hier ein Email, da läutet das Telefon, dort piept das Handy – wer ständig erreichbar ist, wird im Arbeitsalltag nicht nur oft abgelenkt, auch der Stresspegel steigt und das mindert die Leistungsfähigkeit. Ist die Arbeit noch dazu sinnlos, kann das krank machen.

Sich über einen längeren Zeitraum konzentriert einer Aufgabe widmen zu können, ist im beruflichen Alltag heute eher die Ausnahme als die Regel. Via Handy und Email sind Unterbrechungen vorprogrammiert. Doch dadurch könnten nicht mehr Aufgaben erledigt, ist der Wiener Neurologe Wolfgang Lalouschek überzeugt. Die Leistungsfähigkeit nehme vielmehr ab. Der Mediziner und Coach hat gemeinsam mit Studierenden eine Studie zu Stressverarbeitung durchgeführt. Zu großer Stress führe demnach dazu, dass sich Menschen nicht mehr erholen können, unter chronischer Erschöpfung leiden und womöglich in ein Burnout rutschen.

Führt Stress zu optimaler Leistung?

Für die Untersuchung mussten 40 Probanden Gedächtnisaufgaben lösen und Konzentrationsübungen absolvieren. Um das Stressniveau zu erhöhen, wurden sie gezielt abgelenkt und unter Druck gesetzt. Währenddessen wurde die Stressverarbeitung der Studienteilnehmer gemessen, etwa anhand der Puls- und Blutdruckwerte.

Ist das Stresssystem zu stark aktiviert, kann es zu verschiedenen körperlichen Problemen kommen, etwa mit dem Herzkreislaufsystem, mit Magen und Darm oder dem Konzentrationsvermögen. Das zeigte auch die Studie: War die Stressverarbeitung der Teilnehmer stark aktiviert, nahm die Leistungsfähigkeit stark ab.

Mitarbeiter sind nicht „in the zone“

Wolfgang Lalouschek zieht hier einen Vergleich aus dem Spitzensport heran: Am erfolgreichsten seien Menschen in ihrem optimalen Leistungsbereich, nicht bei maximaler Aktivierung. Im Sport würde das als „in the zone“-Sein bezeichnet, sagt Lalouschek. „Bei maximaler Aktivierung kommt es wieder zu einer dramatischen Verringerung der Leistungsfähigkeit und Spitzensportler lernen deswegen gezielt, ihr Stresssystem und das Entspannungssystem gezielt in einen optimalen Zustand zu bringen“, so der Neurologe.

In vielen Unternehmen würde das den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jedoch sehr schwer gemacht: Die vielen Unterbrechungen während der Arbeit und die ständige Erreichbarkeit erhöhen den Stresslevel genauso wie Arbeitsabläufe, die sinnlos erscheinen. Dazu gehören Sitzungen, in denen nichts beschlossen wird oder strenge Vorgaben für Arbeitsabläufe und Leistungen. All das würde unsere natürliche Entspannungsfähigkeit schwächen und negative Aspekte der Stressverarbeitung fördern, ist Lalouschek überzeugt.

Leistungsverlust für Unternehmen

Das sei natürlich auch für die Unternehmen problematisch, so der Neurologe und Coach, denn die Mitarbeiter könnten im richtigen Arbeitsumfeld gesünder und leistungsfähiger sein. „Ein stressfreies Umfeld ist weder erstrebenswert noch realistisch“, ergänzt Lalouschek. Doch die Mitarbeiter müssten den Erfolg ihrer Bemühungen mit eigenen Augen sehen können.

Eine solche Strategie verfolgt etwa das Wiener Unternehmen Tele Haase, das Michael Müller-Camen von der Wirtschaftsuniversität Wien für eine Fallstudie untersucht hat. Die Firma, die Steuerungssysteme für die Industrie produziert, setzt auf neue Wege im Personalmanagement. Hier wurden die Managerposten abgeschafft. Die Arbeitsabläufe werden seitdem von den Mitarbeitern gestaltet. „Das funktioniert darüber, dass bestimmte Verantwortungsgruppen gebildet werden und die Personen, die diese Arbeitskreise leiten, werden von den Mitarbeitern gewählt“, erläutert Müller-Camen.

Keine Überstunden, keine Boni

Michael Müller-Camen, der auf nachhaltiges Personalmanagement spezialisiert ist, hat auch das österreichische Unternehmen Sonnentor analysiert, das Bio-Tees und Bio-Gewürze herstellt. Hier spielt etwa die Work-Life-Balance der Mitarbeiter eine Rolle – Überstunden sollen wenn möglich vermieden werden. Man verzichtet auch auf leistungsorientierte Bezahlung. Denn in den vergangenen Jahren habe es immer mehr Studien gegeben, die zeigen konnten, dass eine leistungsorientierte Bezahlung in Form von Boni bei den Mitarbeitern großen Stress verursacht, so Müller-Camen.

Das zahle sich jedoch nicht lange aus, so der Wirtschaftsforscher. Kurzfristig könne ein Unternehmen davon profitieren, die Mitarbeiter auszubeuten, sie dazu anzuhalten, lange zu arbeiten. Langfristig sei das aber nicht sinnvoll. „Das hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Mitarbeiterinnen, das erhöht den Krankenstand, das erhöht die Fluktuationsrate und das alles verursacht Kosten, die den Gewinn aus der Leistungssteigerung wieder schlucken“, so Müller-Camen.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft