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Multitasking – oft nur eine Pseudo-Effizienz

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek | KURIER | 9.07.2009 | Gesundheit 21

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Langsamer statt schneller: Wer versucht, ständig mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, wird fehleranfälliger. Und das vermeintliche Nebeneinander ist in Wirklichkeit für das Gehirn ein Hintereinander
Verschiedenes auf einmal tun – das soll auf Dauer der Intelligenz schaden. Ganz sicher erzeugt es Stresshormone.

„Multitasking macht Arbeitnehmer dümmer“, schreibt die Zeitung Die Welt über eine Studie der Uni London zum zeitgleichen Ausüben mehrerer Tätigkeiten: Danach ist die Schwächung des Intelligenzquotienten bei Arbeitnehmern, die von Telefon und eMails abgelenkt werden, etwa doppelt so hoch ist wie bei Marihuana-Rauchern. Die Drogen-Konsumenten schnitten bei denselben Aufgaben besser ab als die eMail-Junkies. Die Hirnforscher glauben, dass geteilte Aufmerksamkeit schleichend auch die geistigen Fähigkeiten verändert. Der KURIER sprach mit dem Stress-Spezialisten, Neurologen und systemischen Coach Univ.-Prof. Wolfgang Lalouschek vom Gesundheitszentrum „The Tree“ und „Medical Coaching“.

KURIER: Macht Multitasking wirklich dumm?

Wolfgang Lalouschek: Wenn ich beim Lösen einer Aufgabe durch das Telefon oder eMails abgelenkt werde, ist der Intelligenzquotient niedriger. Das ergibt sich aus der Ablenkung. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der IQ dauerhaft sinkt – dazu gibt es bisher keine fundierten wissenschaftlichen Hinweise. Ständiges Multitasking kann aber trotzdem einen negativen Einfluss auf unsere geistigen Fähigkeiten und die Gesundheit haben.

Inwiefern?

Es kommt zu dauerhafter Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol. Dies verschlechtert die Hirnleistung, etwa die Gedächtnisfunktion. Aus Tierversuchen wissen wir, dass durch Dauerstress speziell in den Gehirnzentren, die für die Gedächtnisfunktion zuständig sind, Nervenzellen absterben. Gleichzeitig werden Gehirnzellen, die den Cortisol-Spiegel dämpfen, geschädigt. Ständiger Stress senkt auch die Herzfrequenz-Variabilität: Das Herz beginnt gleichmäßig wie eine Maschine zu schlagen, was ein Zeichen für ungesunden Stress ist.

Kann man sich wirklich gleichzeitig auf mehrere Dinge konzentrieren?

Man kann mehrere Dinge gleichzeitig aufnehmen, aber die Konzentration ist nicht teilbar. Unser Arbeitsspeicher – das Kurzzeitgedächtnis – hat, im Gegensatz zum Langzeitgedächtnis, begrenzte Kapazität. Irgendwann ist es überlastet. Das ist vergleichbar mit einem PC, auf dem zu viele Programme laufen: Er wird langsamer, stürzt irgendwann ab. Wer zu viele Dinge gleichzeitig zu erledigen versucht, wird ebenfalls langsamer und fehleranfälliger.

Gibt es für das Hirn überhaupt eine Gleichzeitigkeit?

Natürlich kann ich Autofahren und telefonieren. Das Gehirn konzentriert sich aber immer nur auf eines und schaltet ständig um. Das benötigt Zeit – und ist der Grund für die erhöhte Unfallgefahr. Was uns als gleichzeitig vorkommt, ist in Wahrheit ein Hintereinander.

Multitasker sind also nicht effizienter?

Es entsteht oft nur Pseudo-Effizienz, denn bei einer der vermeintlich gleichzeitig ausgeübten Tätigkeiten fehlt die Aufmerksamkeit. Oft fällt gar nicht auf, dass durch mangelnde Konzentration Informationen verloren gehen. In gewissem Ausmaß kann man Routinetätigkeiten nebenher erledigen. Aber auch ein trainierter Muskel hebt kein 500-KiloGewicht.

–Interview: E. Mauritz